Europa nimmt einen Rechtsdrall. Ungarns Rechte streicht eine Zweidrittelmehrheit ein. Der Niederländer Geert Wilders landet mit seiner “Freiheitspartei” auf dem zweiten Platz der Parlamentswahl – eine Regierungsbeteiligung ist nicht ausgeschlossen. Und Belgien und Frankreich beschließen Burka-Verbote. Allesamt sind dies parlamentarische Schwünge. Ihre Höhen lassen sich an Wahltagen oder in den Gesetzesvorlagen erkennen.
Anders in Deutschland. Hier ist es glücklicherweise noch nicht so weit. Eine kampagnenfähige populistische Kraft gibt es nicht. Eine Galionsfigur wie Wilders in Holland, Pia Kjærsgaard in Dänemark oder einst Jörg Haider in Österreich fehlt. Hinzu kommen die Parteien der extremen Rechten. Sie sind entweder erlahmt oder pleite, mindestens jedoch zerstritten. Also alles halb so schlimm? Entwarnung? Kein Grund zur Sorge?
Falsch!
Erstens, sollte man sich klarmachen: Deutschland ist eher eine Ausnahme im parteipolitischen Europa. Zweitens, gibt es auch hierzulande rechtspopulistische Strömungen, die den Weg bereiten könnten.
Dem Einzug in die Parlamente der europäischen Hauptstädte gehen gesellschaftliche Entwicklungen voraus. Debatten über den “Verlust der eigenen Kultur”, über das “Zuwanderer-Problem”, über “Islamisierung”. Es sind Wortmeldungen getragen von Fremdenfurcht. Sie zielen auf Ängste in einer Zeit, die von komplexen Krisen geprägt ist, in der sich Verunsicherung europaweit bemerkbar macht. Es ist ein guter Nährboden für Populisten.
Man muss auch in der Bundesrepublik nicht lange nach den Kündern suchen. Bundesbanker Thilo Sarrazin, mal wieder, warnt vor “Volksverdummung” durch Einwanderer. “Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer”, sagte er bei einem Treffen südhessischer Unternehmerverbände. Zuwanderer aus der Türkei, dem Nahen Osten und Afrika” wiesen weniger Bildung auf als Migranten aus anderen Ländern. Sie bekämen zudem mehr Kinder. Und, so Sarrazin, Intelligenz werde von Eltern an Kinder schließlich weitergegeben.
Ist der Boden bereits bestellt oder wird der ehemaliger Berliner Finanzsenator bloß nicht mehr ernstgenommen? Widerspruch der Zuhörer für Sarrazin gab es nicht.
Neuester Vorstoß aus dieser Woche: Unionspolitiker fordern einen Intelligenztest für Immigranten. Sie verweisen dabei, in vollständiger Unkenntnis der Sache, auf Kanada, das den Vorwurf IQ-Tests mit Einwanderern durchzuführen sogleich dementiert.
Man kann dem ganzen mit Gelächter begegnen, eine Satire schreiben, oder mit Ernst, in einem Kommentar. Bloß Ignoranz ist gefährlich. Sie kann den Rechtsdrall beschleunigen. Viele Länder Europas sind ein trauriges Beispiel dafür.