Im Spiegel des Euro

Das irgendwann Hitler kommen musste, war zu erwarten. Der Spiegel hatte über den Fall Dominique Strauss-Kahn den Titel “Sex und Macht” gezimmert. Eine Woche später – das Kachelmann-Urteil stand an – hieß es auf der ersten Seite des Nachrichtenmagazins bereits “Fehlurteile” und dazu die Frage: “Wie gerecht kann Justiz sein?” Wieder einen Montag später hieß es “Der Feind im Essen”.

Alle drei Titelgeschichten waren einfach schlecht und auch aus anderen Gründen sehr fragwürdig. Vielleicht sah man das in Hamburg ähnlich und reagierte deshalb. Es folgte der Titel “Bruder Todfeind – Hitler gegen Stalin”. Deutsche Panzer, Zweiter Weltkrieg und Adolf in der Schlagzeile. Das zieht immer, das verkauft sich. Und obendrein war die Geschichte auch noch interessant zu lesen.

Was aber der Spiegel an diesem Montag über die Euro-Krise als Titel veröffentlicht hat, ist einfach unglaublich: “Plötzlich und erwartet – Ein Nachruf auf unsere Währung”. Die Hamburger sind sich also sicher, dass der Euro sterben wird. Ich bin erschüttert.

Wer nun eine ausgefeilte Argumentation erwartet, eine hintergründige Erläuterung der hochkomplexen Zusammenhänge, aus der sich eine Bestätigung der Spiegel-These vom “Tod des Euros” nachvollziehbar ableitet, sieht sich getäuscht. Stattdessen setzt das Autorenkollektiv auf Vereinfachung.

Da heißt es beispielsweise:

“Wenn es, wie jetzt, zur Sache geht, werden Entscheidungen nicht mehr in den demokratisch halbwegs legitimierten EU-Gremien getroffen, sondern auf mehr oder weniger heimlichen Gipfeltreffen einiger Regenten. Stille Spaziergänge von Kanzlerin und französischem Präsidenten, die diskreten Gremien der Zentralbanken: Da wird Politik gemacht, die Parlamente allenfalls im Nachhinein abnicken können, obwohl kaum ein Abgeordneter sie versteht.”

Mir hat es wirklich die Sprache verschlagen. “Heimliche Gipfeltreffen”, “stille Spaziergänge”, “im Nachhinein abnicken” – das ist die Kritik der Autoren. Unbegreiflich. Spitzenpolitik, Weltpolitik gar, hat nie anders funktioniert. Es klingt banal: Aber Politik wird von Menschen gemacht. Und dazu gehören auch Regierungschefs. Wissen die Verfasser tatsächlich nicht, wie Entscheidungen von politischer Weltbedeutung getroffen werden? Kaum vorstellbar.

Und weiter geht es:

“Ebenso angsteinflößend sind die Beschlüsse europäischer Politiker für Bürger, die – wie in Deutschland – auf der Sonnenseite der Union wohnen: Sie sorgen sich, dass sich ihr Staat bis in eine unglaublich ferne Zukunft hinein verschuldet. Das bringt das Volk schon deshalb gegen seine jeweilige Regierung auf, weil es an der Entscheidungsfindung nicht beteiligt wurde. Und weil es die Regierenden als Getriebene empfinden muss, die vermeintlichen Sachzwängen folgen und den Anforderungen der Finanzmärkte, selbst aber kein Konzept haben.”

Will das Blatt etwa einen Volksentscheid über den Euro, um das Volk zu beteiligen? Wirklich? Auf mich wirkt das eher so, als wolle sich der Spiegel in Manier der Bild-Zeitung zum Sprachrohr des einfachen Mannes machen.

Später ärgern sich die Verfasser noch darüber, dass es den Euro überhaupt gibt. Damit bekommen auch die D-Mark-Freunde noch ihren Zucker.

“Gäbe es noch nationale Währungen, hätten Länder wie Griechenland oder Portugal ein bewährtes Mittel in der Hand, ihre mangelnde Wettbewerbsfähigkeit abzubauen. Sie müssten nur ihre Drachme oder ihren Escudo abwerten, dann würden die Gesetze von Angebot und Nachfrage dafür sorgen, die Warenströme umzulenken.”

Das sind nur kurze Ausschnitte aus dem neunseitigen Text, an dem acht Autoren beteiligt waren. Ich möchte mich nicht weiter darüber aufregen, dass er simplifiziert. Das ist erlaubt. Auch wenn ich glaube, dass der Text an manchen Stellen schlichtweg falsch ist, kann ich auch darüber hinweg sehen. Geschenkt. Ich bin kein Finanzexperte und die Lage ist schwierig.

Was mich aber wirklich aufregt, ist, dass der Spiegel wider besseres Wissen versucht, auf dem Ticket der Euro-Gegner Auflage zu machen. Das finde ich beschämend.

Mehr noch als das. Der Spiegel als Deutschlands wichtigstes Nachrichtenmagazin hat sich stets als politisch begriffen. Jetzt ist er dabei zu versagen. Man kann das Krisenmanagement der Politiker kritisieren. Aber es bräuchte vor allem Analyse, Aufklärung, ein Magazin, das die Zusammenhänge verständlich macht und keine Stimmungsmache betreibt.

Welchen Wert ein geeintes Europa gerade für Deutschland besitzt, kommt viel zu kurz. Wie wichtig ein geeintes Europa vor dem Hintergrund der Entstehtung einer neuen Weltordnung ist, bleibt beinahe unerwähnt. Was es bedeuten würde, den Euro abzuwickeln, wird quasi verschwiegen. Es längst keine Fahrlässigkeit mehr.

Ein Scheitern wäre eine Tragödie, hat Ex-Außenminister Joschka Fischer kürzlich geschrieben. Ich denke, man darf an dieser Stelle auch mal pathetisch sein: Es geht auch um den Frieden in Europa. Populismus nützt nichts!

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