tazlab (II): Deutschland, Medien, Islam

Am Ende war das Thema wohl zu groß für den halben Stuhlkreis vorne auf der Bühne. Leider, möchte man sagen, nach 90 Minuten Diskussion. Dabei ging es Tagesordnungspunktmäßig rund: Ägypten, Scharia, Bildung, Twitter-Revolultionen und Teestuben-Kultur, das soziale Gefälle in Deutschland und die Eröffnung neuer Aufstiegschancen. Nebenher noch fix die Sarrazin-Debatte angerissen und die mögliche Entstehung einer deutschen populistischen “Freiheitspartei” erörtert. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Hinzu kamen Selbstverständlichkeiten. taz- und FAZ-Redakteur rupften noch ihr Ritual-Hühnchen. Image is everything.

Verschenkte PS

Dabei kam beim Zuhörer jedoch schnell ein Gedanke auf: Da hat offenbar jemand zu viel gewollt. Der Titel der Gesprächsrunde “Der Islam, Dein liebstes Feindbild” war wohl zu groß gefasst. Der Strom der Beiträge schwamm dahin: Die gemeinsame Richtung stimmte, nur die Synchronisation, ein echter Schlagmann, fehlte.

Es führte dazu, dass die Experten während der Diskussion wirkten wie Ferraris bei Tempo 30. Viele verschenkte PS. Das gilt für alle fünf: Patrick Bahners (FAZ), Jörg Lau (Zeit), Hamed Abdel-Samad (Politikwissenschaftler), Isabel Schayani (WDR) und Daniel Bax (tageszeitung).

Partei vs. Debatte

Was bleibt, sind lose verknüpfte, wenn auch gute Gedanken. Beispielsweise zum Thema Populismus in Deutschland. “Wir haben keine rechtspopulistische Partei, statt dessen eine Islam-Debatte. Das ist mir immer noch lieber als eine institutionalisierte Kraft”, sagte Jörg Lau. Sein Kollege Daniel Bax will beobachtet haben, wie die CSU versuche, die Lücke zu schließen: “Der Kampf um diesen Platz hat begonnen”. Hamed Abdel-Samad glaubt hingegen, dass sich eine solche Kraft in Deutschland rasch “selbst entmystifizieren” würde.

“Huch, da ist der Islam”

Zur Auseinandersetzung der Medien mit dem Islam, sagte Patrick Bahners: Man müsse den “religiösen Schlüssel weglassen”, um zu versuchen, gesellschaftliche Probleme zu erklären. Es gebe da oft einen Kurzschluss. Zuvor hatte Daniel Bax ein “Gefühlsfeuilleton” ausgemacht – und zwar bei der FAZ, zur Empörung Bahners, natürlich. Man habe den Eindruck, die Frankfurter wollten auf Kosten des Islams Auflage machen: “Huch, da ist der Islam und der verkauft sich, also machen wir was”.

Jörg Lau, der sich schon an anderer Stelle der Diskussion als Vermittler zwischen den Positionen angeboten hatte, bemerkte selbstkritisch: “Wir islamisieren den Diskurs”. Als Beispiel nannte er ein Zeit-Dossier über den Ärger um grillende Menschen im Berliner Tiergarten.

Der Migrationsfilter muss raus

Interessant auch die ägyptische Perspektive: Abdel-Samad machte deutlich, dass harte Islam-Debatten in Ägypten stets weniger emotional geführt würden als in Deutschland und appellierte: “Auch Europa braucht Aufklärung”.

Die einzige Frau in der Runde, Isabel Schayani, gab an diesem Tag die Praktikerin. Die akademische Auseinandersetzung sei für sie häufig realitätsfern, wenn es um die Probleme der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte gehe. Und überhaupt merkte sie richtigerweise genau das an, was Soziologen mehr und mehr fordern: nämlich die Abkehr davon, Migranten als eine homogene gesellschaftliche Gruppe zu betrachten. Bei ihr klingt das dann so: “Man muss diesen Migrationsfilter endlich rausschmeißen”.

Deutschland hat zugemacht

Was also wird zukünftig passieren in der schwierigen Dreiecksbeziehung zwischen Deutschland, dem Islam und den Medien? Keiner wollte sich so richtig festlegen. Es bleibt nur zu hoffen, dass Laus Prognose nicht zu trifft. Er sagt: “Die Stimmung in Europa steht auf Abschottung und das wohl auf Jahre hinaus. Auch Deutschland hat zugemacht, auch innerlich. Eine politische Kraft sehe ich da nicht”.

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1 Kommentar

  1. Ich bedaure es zutiefst, dass sich auch in der taz offenbar eine Ethnisierung bzw. Religiösierung hinsichtlich des “Islam” durchsetzt und wir – ähnlich wie die Juden vor 70 Jahren in Deutschland – quasi künstlich zur Rasse erklärt werden.

    Die meisten Muslime definieren sich selbst sicherlich nicht über den Islam, sondern über ihre individuelle Persönlichkeit.

    Es ist schade, dass die christlich geprägte Bevölkerungsmehrheit in Deutschland nicht akzeptieren und sich lieber weiter in ihren Stigmata suhlen möchte.

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