Der Politikredakteur und die deutsche Bahn

Wenn Journalisten über ihre Erlebnisse mit der Deutschen Bahn schreiben, hat das stets etwas Amüsantes und etwas Bedauernswertes zugleich.Kaum dürfen die Redakteure einmal ihre Großraumbüros verlassen, schärfen sich ihre Sinne mit jedem Meter, den sie sich weiter von der Chefredaktion entfernen, meint man. Sie machen lustige Beobachtungen, beschreiben Mitreisende und kritisieren häufig Kritikwürdiges, nämlich die Bedingungen des Bahnreisens in Deutschland im Allgemeinen.

Nachdenklich macht einen das Inflationäre. Kaum dürfen Redakteure mal ihre Newsrooms verlassen, scheint sich manch Redakteur auf die Gespräche in den Waggons zu stürzen wie ein besoffener Matrose auf einen Sahne-Hering. Die Bahnfahrt zum Termin ist eben der erste Kontakt mit dem richtigen Leben. Wenn Politikredakteure von der Stimmung der “Leute draußen im Lande” berichten, findet ein gutes Stück der Grundlage ihrer Meinungsbildung in den Abteils der ICEs statt. Während ihrer Reisen von einem Großstadttermin zum anderen. Dabei ist Deutschland zu einem ganz überwiegenden Teil Provinz.

Ich gebe mein Ehrenwort, dass die folgende Bahn-Beobachtung eine absolute Ausnahme darstellt:

Dienstagabend, Düsseldorf, Straßenbahn Linie 708. Ich sitze im letzten Wagen. Etwa fünf Reihen vor mir diskutieren zwei Männer heftig miteinander. Sie sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe. Ich vermute türkisch. Die Bahn stoppt an der Haltestelle Graf-Adolf-Straße, einer der beiden Männer steht auf und will aussteigen. Da springt auch der zweite Mann plötzlich aus der Sitzbank und brüllt dem ersten hinter. Er schreit und gestikuliert. Er hält eine Plastiktüte in der Hand und macht mit der anderen Hand abfällige Bewegungen, als ob er ihn beleidige und sagen wolle: Hau bloß ab. Es scheint ernst. Alle schauen ihn an.

Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass sie türkisch spechen. Der Klang, dieses Kehlige.

Es öffnet sich die Tür, der eine Mann steigt aus, der andere schimpft ihm weiter hinterher. Immer noch auf Türkisch. Bis er sich langsam zu beruhigen scheint.

Plötzlich – die Tür ist schon wieder geschlossen, der Mann sitzt bereits wieder – lässt er einen Satz auf Deutsch los, der mich erschreckt. Wie ein Fazit des Streits ruft er nicht ganz so laut, aber immer noch deutlich hörbar: “Scheiß Ausländer!” und schüttelt den Kopf.

Was soll man davon halten? Natürlich sagt man so etwas nicht. Es ist eine schlimme und dumme Beleidigung. Aber dass ein mutmaßlicher Deutschtürke einen mutmaßlichen Deutschtürken derart beschimpft, hat auch etwas Komisches. Auch weil ich nicht das Gefühl hatte, dass dieser Streit etwas Bedrohliches besaß, sondern mehr eine Auseinandersetzung unter Freunden war, musste ich ein wenig über die Situationskomik schmunzeln.

Ist diese Szene aus der Düsseldorfer Stadtbahn gar ein Beispiel für gelungene Integration?

Wenn ich es nicht selbst tue, vielleicht sollte mal ein Leitartikeler kommen, den Mann interviewen und dann eine integrationsgesellschaftliche Analyse darüber verfassen. Er müsste dafür nur nach Düsseldorf reisen, eine angenehme Fahrt – am besten mit der Bahn.

Tags: , , , , ,

Einen Kommentar hinterlassen