Thilo Sarrazin ist ein großer Faktenverdreher. Andere haben das schon vielfach zerlegt, was der Bundesbankvorstand in seinem neuen Buch von sich gibt. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb? – liegt das Werk schon vor seinem Erscheinen auf dem Amazon-Verkaufsrang #1. Sarrazin, ein Bestseller-Autor? Schaut ganz so aus; zumal er für Fernsehauftritte in der kommenden Woche gebucht ist. Am Montag ist er zu Gast bei Beckmann.
Sarrazins Verkaufswelle rollt also. Währenddessen ist ein wirklich substantieller Beitrag zum Thema veröffentlicht worden. Mannheimer Bildungsforscher fanden heraus: Bei gleichen Leistungen und ähnlichem sozialen Hintergrund wechseln türkische Grundschüler sogar häufiger auf höhere Schulen als ihre deutschstämmigen Alterskollegen.
Hoppla? Wie kann das denn sein? Sind nicht die deutsch-türkischen Schüler die Bildungsverlierer schlechthin?
Es ist schon richtig: Unter den jungen Leuten ohne Schulabschluss sind Schüler türkischer Abstammung überrepräsentiert. Doch wenn Papa und Mama ähnlich viel verdienen wie die Eltern der deutschen Mitschüler, in ähnlichen Wohnungen leben und vergleichbar gut integriert sind in ihrer Gemeinde, im Sportverein oder der Musikschule, ja dann heißt: eins mit Sternchen für den kleinen Ahmed – und ab aufs Gymnasium.
Es sind also nicht per se die anatolischen Eltern schuld am relativ schwachen Abschneiden ihrer Sprößlinge. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Sind sie gegeben, erinnert der Effekt – das von den Eltern weitergegebene Streben nach Anerkennung durch Bildung, durch Fleiß und durch gute Leistungen in der Schule – der deutschen Bildungsexpansion der 70er-Jahre, als aus Arbeiterkindern Akademiker wurden: Der Glaube und die Gewissheit des Aufstiegs durch gute Zeugnisse.
Was muss also geschehen? Mindestens zwei Dinge. Es muss erstens verhindert werden, dass die gut ausgebildeten Deutschtürken nicht Deutschland den Rücken kehren, um in der wirtschaftlich aufstrebenden, politisch offener und religiös toleranter werdenden Türkei zu arbeiten. Wir brauchen eine selbstbewusste deutschtürkische Mittelschicht. Sarrazins Buch wirkt da wie Gift.
Und zweitens brauchen wir ein besseres, einheitliches Schulsystem, das sozial gerechter ist. Bildung hat nichts mit Genetik zutun, Herr Sarrazin! Wir brauchen kleinere Klassen, bessere Frühförderung, längere Betreuungsangebote durch hervorragend ausgebildetetes Personal. Irre ich mich oder wird in Deutschland gerade in jenen Berufsgruppen am meisten gespart, die direkt mit oder an Menschen arbeiten? Frag nach bei den Krankenschwestern, Pflegern, Kindergärtnern und Lehrern dieses Landes.
Kann beides gelingen? Ja, das kann es. Gute Politik ist gefragt.



