27
Aug 10

Eins mit Sternchen für den kleinen Ahmed

Thilo Sarrazin ist ein großer Faktenverdreher. Andere haben das schon vielfach zerlegt, was der Bundesbankvorstand in seinem neuen Buch von sich gibt. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb? – liegt das Werk schon vor seinem Erscheinen auf dem Amazon-Verkaufsrang #1. Sarrazin, ein Bestseller-Autor? Schaut ganz so aus; zumal er für Fernsehauftritte in der kommenden Woche gebucht ist. Am Montag ist er zu Gast bei Beckmann.

Sarrazins Verkaufswelle rollt also. Währenddessen ist ein wirklich substantieller Beitrag zum Thema veröffentlicht worden. Mannheimer Bildungsforscher fanden heraus: Bei gleichen Leistungen und ähnlichem sozialen Hintergrund wechseln türkische Grundschüler sogar häufiger auf höhere Schulen als ihre deutschstämmigen Alterskollegen.

Hoppla? Wie kann das denn sein? Sind nicht die deutsch-türkischen Schüler die Bildungsverlierer schlechthin?

Es ist schon richtig: Unter den jungen Leuten ohne Schulabschluss sind Schüler türkischer Abstammung überrepräsentiert. Doch wenn Papa und Mama ähnlich viel verdienen wie die Eltern der deutschen Mitschüler, in ähnlichen Wohnungen leben und vergleichbar gut integriert sind in ihrer Gemeinde, im Sportverein oder der Musikschule, ja dann heißt: eins mit Sternchen für den kleinen Ahmed – und  ab aufs Gymnasium.

Es sind also nicht per se die anatolischen Eltern schuld am relativ schwachen Abschneiden ihrer Sprößlinge. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Sind sie gegeben, erinnert der Effekt – das von den Eltern weitergegebene Streben nach Anerkennung durch Bildung, durch Fleiß und durch gute Leistungen in der Schule – der deutschen Bildungsexpansion der 70er-Jahre, als aus Arbeiterkindern Akademiker wurden: Der Glaube und die Gewissheit des Aufstiegs durch gute Zeugnisse.

Was muss also geschehen? Mindestens zwei Dinge. Es muss erstens verhindert werden, dass die gut ausgebildeten Deutschtürken nicht Deutschland den Rücken kehren, um in der wirtschaftlich aufstrebenden, politisch offener und religiös toleranter werdenden Türkei zu arbeiten. Wir brauchen eine selbstbewusste deutschtürkische Mittelschicht. Sarrazins Buch wirkt da wie Gift.

Und zweitens brauchen wir ein besseres, einheitliches Schulsystem, das sozial gerechter ist. Bildung hat nichts mit Genetik zutun, Herr Sarrazin! Wir brauchen kleinere Klassen, bessere Frühförderung, längere Betreuungsangebote durch hervorragend ausgebildetetes Personal. Irre ich mich oder wird in Deutschland gerade in jenen Berufsgruppen am meisten gespart, die direkt mit oder an Menschen arbeiten? Frag nach bei den Krankenschwestern, Pflegern, Kindergärtnern und Lehrern dieses Landes.

Kann beides gelingen? Ja, das kann es. Gute Politik ist gefragt.


25
Aug 10

Thilo Sarrazin, ein Bestseller-Autor?

Nicht zu fassen und irgendwie schaurig; da bleibt einem das Schmunzeln klebrig im Hals stecken: Wer führt derzeit die Top-Liste der verkauften Bücher bei Amazon an? Es ist niemand anders als Thilo Sarrazin, der wortgewaltige Bundesbanker und Ex-Finanzsenator von Berlin, der Hans Dampf in allen populistischen Gassen, das SPD-Mitglied, dessen Äußerungen schon mal von Parteifreunden als “Rassismus pur” bezeichnet werden.

Ja, er meldet sich zurück – auf 464 Seiten. Und schon der Titel gibt die Richtung vor: “Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen”. Sarrazin holt wieder aus. Bereits jetzt, sechs Tage vor Verkaufstart des Buches, wird es anscheinend ein ausgezeichnet verkaufen.

Worüber er schreibt, ist rasch erzählt: Bildung, Einwanderung, Arbeit, Demografie. Im Klappentext heißt es, Thilo Sarrazin beschreibt “mit seiner profunden Erfahrung aus Politik und Verwaltung die Folgen, die sich für Deutschlands Zukunft aus der Kombination von Geburtenrückgang, problematischer Zuwanderung und wachsender Unterschicht ergeben.” Er wolle sich nicht damit abfinden, dass Deutschland nicht nur älter und kleiner, sondern auch dümmer und abhängiger von staatlichen Zahlungen wird.

Und weiter: “Sarrazin sieht genau hin, seine Analyse schont niemanden.” Er zeige ganz konkret, wie wir die Grundlagen unseres Wohlstands untergraben und so den sozialen Frieden und eine stabile Gesellschaft aufs Spiel setzten. “Deutschland laufe Gefahr, in einen Alptraum zu schlittern.”

Dümmer? älter? Alptraum-Deuschland? Seine Thesen scheinen Gehör zu finden. Der Print-Spiegel von diesem Montag hat Auszüge des Buches gedruckt, was wahrscheinlich auch ein gutes Stück dazu beiträgt, dass der Verkauf so prächtig anläuft.

Auch der Sarrazin-Reflex in der SPD greift. Parteichef Gabriel legt Sarrazin den Austritt aus der Partei nahe.


17
Aug 10

M’Gladbacher Islamschule – Prediger nennt Journalisten “Terroristen”

Welche Taktik verfolgt wohl dieser Mann? Pierre Vogel, ein zum Islam konvertierter Prediger, aufgewachsen in Frechen bei Köln, hat in einem Youtube-Video eine Namensliste von “Hetz-Journalisten” veröffentlicht. Die genannten Autoren, darunter Journalisten von “Der Westen”, “RP Online”, “Express”, “Kölner Stadtanzeiger” und “RTL”, hätten “Hassartikel” über seinen Verein “Einladung zum Paradies” verfasst. Der Verein plant, mit seiner Koranschule von Braunschweig nach Mönchengladbach umzuziehen. Das Vorhaben sorgt für Streit. Der niedersächsische Verfassungsschutz beobachtet den Verein und meldet Bedenkliches.  weiter →


12
Aug 10

Vom guten Schein des Gutscheins

Endlich hat die FDP einen Grund zum Jubeln. Bildungsgutscheine für Hartz-IV-Empfänger, das haben die Freidemokraten schon seit langem gefordert. Jetzt sehen sich Westerwelle und Co. bestätigt. Die CDU, in persona von Bundessozialministerin Ursula von der Leyen, hat das Thema entdeckt und möchte mit den guten Gutscheinen die Grundsicherung (derzeit 359 Euro) aufstocken.

Bedürftige sollen “Bildungsgutscheine” erhalten, mit denen sie beispielsweise Nachlässe für Sprachkurse, Musikunterricht und Nachhilfestunden erhalten. Das erklärte Politikziel: alles für die Bildung.

Vieles an dem Gutschein-Modell ist unklar. Natürlich ist wahr, Coupons kann man nicht versaufen. Die Rabattkarte für Bücher zum Beispiel ist nur in der Stadtbibliothek einzulösen, während man die Stütze am Büdchen in Dosenbier umsetzen kann.

Doch wer so schlicht denkt, ganz nach dem Motto alle Hartz-IV-Empfänger hingen an der Flasche, und das Gutschein-Modell lobpreist, versucht eine wohlfeile Nacherziehung an den Ärmsten der Gesellschaft vorzunehmen. Die Bedürftigen sollen bildungsdiszipliniert werden.

Abgesehen davon, dass es derzeit außer “Sozialpässe” in einigen Kommunen keine nützlichen Vorlagen für ein solches Leisungssystem gibt, muss auch bezweifelt werden, ob Bildungsgutscheine überhaupt eingelöst würden. Warum sollten Eltern auf einmal damit beginnen, ihre Kinder zum Klarinettenunterricht zu bringen? Nur weil von der Leyen einen Gutschein dafür geschickt hat? Wohl kaum.

Man müsste die Eltern schon dazu zwingen, die Gutscheine auch tatsächlich auch einzulösen, was wiederum nicht durchsetzbar ist. Die leidtragenden wären andernfalls wieder die Kinder.

Und wer garantiert eigentlich die Standards der Einrichtungen, für die die Gutscheine gültig sind? Kann es sein, dass ein Stuttgarter Gutschein mehr Wert ist als ein Rostocker? Es würde wohl einiges an Bürokratie mit sich bringen, dieses scheinbare schöne Gutscheinsystem.

Es bleibt dabei. Der Staat kann sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Das Bildungsystem muss gerechter werden – ohne Gutscheine!


13
Jul 10

Ein bisschen Merkel am Rhein

Morgen ist es also soweit. Hannelore Kraft lässt sich zur Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens wählen, auch wenn ihr im Düsseldorfer Landtag eine Stimme fehlt. Im zweiten Wahlgang wird es klappen, spätestens. Ihr genügt die einfache Mehrheit und die Linke hat bereits Enthaltung angesagt. Der rot-grünen Minderheitsregierung steht nichts mehr im Weg.

Aber Regieren ohne eigene Mehrheit – geht das? In Spanien und Portugal wird derzeit mit wechselnden Mehrheiten regiert. In Tschechien und Skandinavien ist dieses Modell ebenfalls nicht ungewöhnlich. In Deutschland sind Minderheitsregierungen Ausnahmen. Richard von Weizsäcker und Klaus Wowereit haben jeweils den Berliner Senat eine Zeitlang auf diese Weise geführt. Brandenburg und Hessen haben auch Erfahrungen mit dieser Konstellation.

Es kommt aufs Personal an

Am längsten wurde jedoch Sachsen-Anhalt von Minderheitsregierungen geführt, nämlich acht Jahre lang. Reinhard Höppner bildete zunächst eine rot-grüne Minderheitsregierung und ab 1998 eine reine SPD-Minderheitsregierung. Daher auch der Name für diese Regierungsform: das Magdeburger Modell.

Doch wird das, was an der Elbe durchaus funktionierte auch am Rhein gelingen? Banale Antwort: Es kommt aufs Personal an. weiter →


06
Jul 10

Laumann oder Laschet? – NRW-CDU sucht ihren neuen starken Mann

Heute ist ein interessanter Tag im Düsseldorfer Landtag. In knapp 40 Minuten beginnen SPD und Grüne ihre letzte Koalitionsrunde. Am Nachmittag stellen SPD-Chefin Hannelore Kraft und ihre neue Duzfreundin Sylvia Löhrmann von den Grünen den gemeinsamen Koalitionsvertrag vor. So ist der Plan. Bereits jetzt ist schon klar: Rot-Grün wird die Studiengebühren kassieren, Kopfnoten abschaffen und den Kommunen mehr wirtschaftlichen Spielraum einräumen. Offen sind noch die Ressortzuschnitte. In der Rheinischen Post gibt es schon mal einen Überblick.

Doch ich werde mich heute um die NRW-CDU kümmern. Ist auch an diesem Tag spannender, wie ich finde. Ich sitze vor dem Raum E3A 02. Darin tagt seit 11.30 Uhr die auf 67 Frauen und Männer geschrumpfte CDU-Landtagsfraktion. Man kann es ruhig sagen: Es geht um die Macht in dem größten Landesverband. weiter →


29
Jun 10

IQ-Tests und “Volksverdummung” – ein Nährboden für Populisten

Europa nimmt einen Rechtsdrall. Ungarns Rechte streicht eine Zweidrittelmehrheit ein. Der Niederländer Geert Wilders landet mit seiner “Freiheitspartei” auf dem zweiten Platz der Parlamentswahl – eine Regierungsbeteiligung ist nicht ausgeschlossen. Und Belgien und Frankreich beschließen Burka-Verbote. Allesamt sind dies parlamentarische Schwünge. Ihre Höhen lassen sich an Wahltagen oder in den Gesetzesvorlagen erkennen.

Anders in Deutschland. Hier ist es glücklicherweise noch nicht so weit. Eine kampagnenfähige populistische Kraft gibt es nicht. Eine Galionsfigur wie Wilders in Holland, Pia Kjærsgaard in Dänemark oder einst Jörg Haider in Österreich fehlt. Hinzu kommen die Parteien der extremen Rechten. Sie sind entweder erlahmt oder pleite, mindestens jedoch zerstritten. Also alles halb so schlimm? Entwarnung? Kein Grund zur Sorge?

Falsch!

Erstens, sollte man sich klarmachen: Deutschland ist eher eine Ausnahme im parteipolitischen Europa. Zweitens, gibt es auch hierzulande rechtspopulistische Strömungen, die den Weg bereiten könnten.

Dem Einzug in die Parlamente der europäischen Hauptstädte gehen gesellschaftliche Entwicklungen voraus. Debatten über den “Verlust der eigenen Kultur”, über das “Zuwanderer-Problem”, über “Islamisierung”. Es sind Wortmeldungen getragen von Fremdenfurcht. Sie zielen auf Ängste in einer Zeit, die von komplexen Krisen geprägt ist, in der sich Verunsicherung europaweit bemerkbar macht. Es ist ein guter Nährboden für Populisten.

Man muss auch in der Bundesrepublik nicht lange nach den Kündern suchen. Bundesbanker Thilo Sarrazin, mal wieder, warnt vor “Volksverdummung” durch Einwanderer. “Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer”, sagte er bei einem Treffen südhessischer Unternehmerverbände. Zuwanderer aus der Türkei, dem Nahen Osten und Afrika” wiesen weniger Bildung auf als Migranten aus anderen Ländern. Sie bekämen zudem mehr Kinder. Und, so Sarrazin, Intelligenz werde von Eltern an Kinder schließlich weitergegeben.

Ist der Boden bereits bestellt oder wird der ehemaliger Berliner Finanzsenator bloß nicht mehr ernstgenommen? Widerspruch der Zuhörer für Sarrazin gab es nicht.

Neuester Vorstoß aus dieser Woche: Unionspolitiker fordern einen Intelligenztest für Immigranten. Sie verweisen dabei, in vollständiger Unkenntnis der Sache, auf Kanada, das den Vorwurf IQ-Tests mit Einwanderern durchzuführen sogleich dementiert.

Man kann dem ganzen mit Gelächter begegnen, eine Satire schreiben, oder mit Ernst, in einem Kommentar. Bloß Ignoranz ist gefährlich. Sie kann den Rechtsdrall beschleunigen. Viele Länder Europas sind ein trauriges Beispiel dafür.


10
Jun 10

Wilders siegt und steht dennoch vor großen Problemen

Gewiss, Geert Wilders darf sich als Sieger der Parlamentswahl in den Niederlande feiern lassen. Seine “Freiheitspartei” wird drittstärkste Kraft, kommt nun auf 24 Sitze in der Haager “Tweede Kamer”, womit sie ihre Mandate mehr als verdoppelt – zuvor waren es neun. Und auch Experten hatten nicht mit einem solchen Erfolg des 46-jährigen Islamfeindes gerechnet. Denn nicht die Einwanderung – Wilders Top-Thema – stand im Wahlkampf auf der politischen Agenda vorne, sondern die Finanz- und Eurokrise.

Doch aus dem Erfolg ergeben sich ganz handfeste politische Probleme für Wilders.

Es sind mindestens zwei:

1. Das Personal. Geert Wilders ist das einzige Mitglied seiner Partei. Er hat überhaupt keine fähigen Leute, mit denen er wichtige Posten in der Partei und im Parlament besetzen könnte. Das liegt zum einen daran, dass Wilders neben Geert keinen anderen duldet. Er ist ein ausgesprochener Kontrollfreak. Zum anderen wuchs seine Partei in sehr kurzer Zeit. Eine Rekrutierung wäre allein deshalb schwierig.

2. Die Verantwortung. Kommt Wilders in die Regierung, könnte sich sein Populisten-Zauber schnell erledigen. Klamme Haushalte und die Einbindung in eine Drei- wenn nicht Vierparteien-Regierung würden viele seiner kruden Vorhaben zunichte machen.

Es könnte sein, dass Wilders schon allein aus diesen beiden Gründen lieber in die Opposition gehen wird.


08
Jun 10

Über die Wahl in Holland und die Einsamkeit des Geert Wilders

Für den Blog des Göttinger Instituts für Demokratieforschung habe ich mich mit Geert Wilders beschäftigt. Hier geht es zu dem Beitrag auf der Institutsseite – als Crosspost ist er allerdings auch hier zu lesen:

Holland wählt. Nach dreieinhalb Jahren gemeinsamer Regierungszeit ist im Februar die Koalition von Jan Peter Balkenende gescheitert. Letztlich war sie an der Afghanistanpolitik zerbrochen. Am Mittwoch den 9. Juni stehen Neuwahlen an und ein Profiteur hat lange Zeit als ausgemacht gegolten: der Rechtspopulist Geert Wilders.

Nun kommt es offenbar anders. Im Wahlkampf verlor seine „Partij voor de Vrijheid“ (PVV) an Zustimmung. Nicht die Einwanderung, sondern die Finanz- und Eurokrise hat die Agenda zwischen Maastricht und Groningen vor diesem 9. Juni bestimmt. Aktuelle Umfragen sehen Wilders’ Partei nur noch als viertstärkste Kraft in der „Tweede Kamer“ – bei etwa elf Prozent. Auch der Weg in eine Mitte-Rechts-Koalition ist anscheinend verbaut. Die CDA will kein Bündnis mit Wilders eingehen, hieß es zuletzt.

Ist Wilders’ Weg am Ende? Wohl kaum, sind sich niederländische Kommentatoren einig. Der Mann mit dem goldenen Haar werde sich weiterhin in der bunten Parteienlandschaft der Niederlande Gehör verschaffen. Es lohnt also, sich diesem 46-Jährigen zu nähern.

Vielfach kommentiert und porträtiert, hat Wilders zahlreiche Etiketten verpasst bekommen. In den Diskussionen wird er betitelt als „Islamfeind, Fremdenhasser, Rechtspopulist, Volkstribun, Feind der Muslime, Polit-Provokateur, Aufwiegler und Sozialstaats-Chauvinist“.

Und doch bleibt er auf eine merkwürdige Art politisch und menschlich ein Faszinosum. Ein Unbekannter, der schwierig zu begreifen ist, dessen Antrieb weitgehend verborgen bleibt. Ein Einzelgänger, der trotzdem oder vielleicht gerade aus diesem Grund auf viele Niederländer anziehend wirkt.

Wilders selbst lebt völlig isoliert. Wo er wohnt, ist nicht klar. Sein Aufenthaltsort wird nicht veröffentlicht. Er steht unter einem 24-Stunden-Polizeischutz. Er erhält beinahe täglich Morddrohungen. Seine Aufenthaltsorte wechselt er permanent. Es heißt, er sehe seine Frau nur alle paar Wochen.  303 von 424 Drohungen gegen niederländische Politiker im Jahr 2008 galten allein ihm. Fast jeden Tag findet irgendwo im Land in Prozess gegen einen Drohbriefschreiber statt. Der Strafsatz für Wilders-Beleidigungen hat sich bei 500 Euro eingependelt. Die Polizei hat mittlerweile ein Spezialformular für Anzeigen gegen ihn entwickelt. Wilders ist ein massiv gefährdeter Mann.

Geert Wilders wird stets von zwei Leibwächtern begleitet. Er verlässt sein Büro im Parlamentsgebäude nur, um zu den Sitzungen zu gehen oder auf die Toilette. Er und seine neun Abgeordneten sind in einem Seitenflügel des Haager Regierungskomplexes untergebracht, distanziert von den anderen Fraktionen. Selbst das zentrale Aktenlager hat bessere Räume abbekommen als die PVV-Fraktionäre. Wilders’ Büro ist dementsprechend klein. Die Eingangstür kann nur von innen geöffnet werden, die Fenster sind verhängt, am Abend verlässt er das Gebäude stets über einen der Nebenausgänge. Wilders lebt in einer Art Zelle. Und dies gilt nicht nur räumlich. Er arbeitet vollkommen allein, er scheint ein verbindungsloser Mann zu sein – ohne Verbündete, Zuarbeiter, Vertrauensleute. So etwas wie einen Inner Circle, der ihn mit Informationen ausstattet, mit Anregungen füttert, kluge Gedanken entwickelt und für Inspirationen sorgen könnte, den gibt es bei ihm nicht. Doch betont er häufig, dass der israelische Außenminister Avigdor Liebermann sein „persönlicher Freund“ sei. Außerdem pflege er einen guten Kontakt zu Pia Kjærsgaard von der Dansk Folkeparti. Doch es bleibt dabei: Wilders ist eine Ein-Mann-Show.

Aus dieser privaten und politischen Enge heraus formuliert er seine rechts-populistischen Forderungen. Seit 2004 treibt einen Feldzug gegen den Islam. Wilders sagt, die holländische Kultur sei besser als die muslimische. Die Muslime machten Europa zu einer „Kolonie Arabiens“.  Es gebe einen „Einwanderungs-Tsunami“ in den Niederlanden. Marokkanische Kriminelle bezeichnet er schon mal als „Straßenterroristen“. Muslime, das sind für ihn Menschen, die mit ihren „Hass-Bärten“, Burkas und Moscheen den öffentlichen Raum verschmutzen. Es müsse daher sofort einen Einwanderungsstopp geben.

Für Wilders ist der Islam eine „zurückgebliebene Kultur“ und „das größte Problem der Niederlande“. Er nennt ihn „faschistisch und krank“. Deshalb befürworte er ein Verbot des Korans. Wilders begründet es so: „In Holland wurde Adolf Hitlers „Mein Kampf“ verboten, unter dem Applaus der Linken. Deshalb habe ich gesagt: Hier gibt es noch ein Buch, das aus denselben Gründen verboten werden muss, wenn man konsequent sein will.“ Mit Nazi-Vergleichen trifft er anscheinend einen Nerv. Im kollektiven Gedächtnis seiner Landsleute dürfte die Erinnerung an Hitlers Wehrmacht nach wie vor präsent sein.

Wilders macht sich außerdem stark für eine Leitkultur, er ist strikt gegen den Bau von Minaretten und er fordert eine Kopftuchsteuer. Interessant ist hierbei seine Sprache. Wilders spricht nicht von „Kopftuch“, sondern von „Kopffeudel“ oder von „Kopflumpen“. Die Abgabe soll 1000 Euro pro Jahr betragen.

Dabei stilisiert er sich als Verteidiger der Menschenrechte und der in den Niederlanden als sehr wichtig angesehenen Meinungsfreiheit. „Wir leben in einem freien Land“ und „das wird man jawohl noch sagen dürfen“ sind zwei seiner liebsten Floskeln in Interviews.

Wilders sagt, er sei ein kompromissbereit, bei einem Thema jedoch nicht: Wilders ist vehement gegen die Rente mit 67. Die fehlenden Milliarden im Haushalt könne man leicht bei der Migrantenunterstützung sparen, sagt er dann. Im April hat Wilders das niederländische Institut „Nyver“ die Kosten der Immigration errechnen lassen. Demnach würden nicht-westliche Zuwanderer dem Staat jährlich Belastungen in Höhe von sechs bis zehn Milliarden Euro verursachen. Wilders Schlussfolgerung: Die Rente mit 67 sei nicht notwendig, wenn ein sofortiger Einwanderungsstopp verhängt würde. So einfach ist das bei ihm.

Auch in anderen Politikfeldern macht er Schlagzeilen: In der Pflegepolitik (für „mehr Hände am Bett“), in der Sicherheitspolitik (für „mehr Blau auf den Straßen“, für „Straßenkommandos“, für „die Erlaubnis zum Einsatz von gezielten Knieschüssen“) sowie in der Außenpolitik („Raus aus Afghanistan – und zwar sofort“).

Bei all dem ist ihm jedoch wichtig zu betonen, dass er und seine Partei „gegen jegliche Diskriminierung“ sei. Er hasse keine Muslime, aber er hasse den Islam.

Wilders achtet außerdem penibel, sich von den extrem Rechten zu distanzieren. „Ich will nicht mal in die Nähe von Rechtsextremen kommen“, sagt er und wird nicht müde zu betonen: „Wir sind keine Rassisten“. Dennoch muss sich Wilders vor der Justiz verantworten. Seit dem 20. Januar steht er wegen „Volksverhetzung und Aufstachelung zum Hass“ vor Gericht.

Doch der Skandal, der gut inszenierte dazu, gehört zu seiner Politik, die ihm bisher solch einen Erfolg beschert hat und in der Wilders seine Erfüllung sieht. Es sind dies die Momente, in denen Wilders, der politisch und privat so einsame Mensch, sich selbst die ganz große Bühne bereitet, seinen Rücken durchdrückt und den wartenden Journalisten betont aufgeregt zuruft: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.

Auch das Ergebnis dieser Parlamentswahl wird daran wohl nichts ändern.

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01
Jun 10

Deshalb schadet Köhlers Rücktritt der Politik

Ich bin überzeugt davon, dass der Rücktritt Horst Köhlers eine Katastrophe ist.

Kaum mehr als die Hälfte der Bevölkerung nimmt noch an Wahlen teil. Parteien gelten als ununterscheidbar. Berufspolitiker als Mitglieder einer Kaste, mit eigenen Regeln und einer eigener Sprache. Hinzu kommen Probleme, wie sie die Bundesrepublik noch nie gleichzeitig hat lösen müssen. Der Euro schwankt, die Europäische Einheit brökelt. Der eigene Haushalt muss zusammengestrichen werden, die Sozialsysteme müssen reformiert werden. Deutschland befindet sich im Krieg in Afghanistan.

Der Rückzug Köhlers fällt in eine Zeit der großen Unsicherheit, in eine Zeit der Ängste. Köhler sendet das Signal der Resignation, wobei Zuspruch und Erklärung so dringend nötig wären.

Gespräche, wie ich sie heute Morgen während einer kurzen Bahnfahrt gehört habe, ein flüchtiger Blick in die Zeitungen, Blogs und Twitter-Feeds zeigt: Die Bürger sind verunsichert, ratlos, bisweilen verzweifelt.

Diese Demission des Präsidenten schadet der deutschen Politik.